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Warum ich meinen Kindern ein Leben ohne Schule gönnen möchte

23/06/2011

2005, als ich noch Studentin der Sozialpädagogin und Mutter von lediglich zwei Kindern war, schleppte mich meine Freundin, ihres Zeichens Pädagogikstudentin, nach Berlin, wo wir an der Internationalen Konferenz für Demokratische Schulen, kurz IDEC, teilnahmen. Dieses Wochenende hat mein Leben stark beeinflusst. Es wurde ein Feuer der Begeisterung in mir geweckt für selbstbestimmtes Lernen und Demokratische Schulen – allen voran das Sudbury-Modell. Ich hatte darüber vorher schon ein bißchen was erfahren, aber von den Schülern und Mitarbeitern solcher Schulen zu hören, dass es wirklich funktioniert, und wie glücklich die Schüler damit sind, die Entscheidungshoheit darüber zu haben, wann, wo und wass sie lernen, hat den entscheidenden Unterschied gemacht. Ich fühlte eine große Trauer darüber, dass meine Schulzeit so ganz anders ausgesehen hat – ich hätte es geliebt und gebraucht, selbstgesteuert lernen zu können und hätte es mir gerne gespart, nach der Beendigung meiner Schulkarriere über ein Jahrzent damit zu verbringen, wieder zu mir zu finden. Und gleichzeitig wurde mir an diesem Wochenende klar, dass ich es für meine Kinder möglich machen will, so aufzuwachsen. Ich will dass sie die Verbindung zu sich selbst nicht verlieren, nur weil der Deutsche Staat meint, sie müssten mindestens 9 Jahre in der Schule lernen wie man gehorsam ist, sich fremdbestimmen lässt und möglichst schnell möglichst viel Wissen in sich aufnimmt, nur um es gleich danach wieder zu vergessen. Ich möchte ihnen so gerne ermöglichen, Ihren eigenen Interessen zu folgen und in jeder Minute Ihres Lebens lebendig zu bleiben.

Wir saßen in den Workshops auf der Konferenz unter anderem mit Phillip Palm, dem Mann von Nena. Die beiden gehörten damals noch zu einer größeren Gruppe, die vorhatte, in Hamburg eine Schule nach dem Sudbury-Modell zu gründen. Und wir dachten: Toll! Wenn sich sogar schon bekannte Persönlichkeiten für Sudbury einsetzen, wird es bestimmt bald was mit Sudbury Schulen in Deutschland.  Tatsächlich haben Phillip, Nena und ein paar wenige Mitstreiter es auch ganz schlau angestellt. Sie haben sich nämlich auf eine kleine Kerngruppe reduziert und das Ganze wie ein Unternehmen aufgezogen. Mit Erfolg! Die Neue Schule Hamburg läuft jetzt seit drei Jahren. In diesem informativen Interview von Günter Faltin (den ich allen wärmstens empfehlen kann, die sich für Existenzgründung/Unternehmertum kurz Entrpreneurship interessieren. Genannt sei z.B. sein Buch „Kopf schlägt Kapital„) erzählt Phillip selber, wie sie Ihren Traum realisiert haben.

hier noch ein Auftritt von Nena und Phillip gemeinsam bei Günter Faltin.

Leider hat dieser Erfolg bislang nicht dazu geführt, dass weitere Gründungsinitiativen eine Genehmigung erhalten haben. Hier könnt Ihr sehen, wo es in Deutschland schon solche Initiativen gibt. Leider scheinen einige bereits aufgegeben zu haben.

Meine Freundin und ich spielten nach dem Wochenende auf der IDEC einige Zeit lang mit dem Gedanken, uns einer Schulgründungsinitiative in unserer Nähe anzuschließen mit der wir Kontakt hatten, oder eine eigene zu gründen. Doch uns wurde schnell klar, dass diese Prozesse ewig dauern, gerade in größeren Gruppen, und dass die Behörden der Sache höchstwahrscheinlich nicht einmal eine Chance geben würden.  Für unsere eigenen Kinder käme diese Schule jedenfalls zu spät.

Meine Freundin war damals schon ziemlich angetan von der Idee des Freilernens – Kinder gehen gar nicht zur Schule und betrachten die Welt als ihr Klassenzimmer. Ich hielt davon zunächst nicht viel, da ich dachte, die Kinder würden vereinsamen und sich früher oder später langweilen. Doch mit der Zeit und weiterer Beschäftigung mit dem Thema änderte sich meine Meinung drastisch. Heute ist es mein allergrößter Wunsch, in Deutschland wohnen zu bleiben und hier meine Kinder als Freilerner aufwachsen zu lassen. Ich weiß sie haben alle Neugier die sie brauchen, um alles zu lernen was für sie wichtig ist und um zu den Menschen zu werden, die sie sein „sollen“ oder besser gesagt wollen . Sie tragen ihre eigenen Baupläne in sich. Und spätestens seit ich Amanda Blake Soule kenne, weiß ich, wie bereichernd es für Kinder UND Eltern sein kann, die Tage gemeinsam zu verbringen und die Interessen und Neugier aller zu fördern und wertzuschätzen. Mir ist inzwischen bewußt – auch dank GFK (Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg) – wie wichtig und heilend eine echte Verbindung zwischen Eltern und Kindern ist, und mir ist auch klar wie man sie stärkt, indem man einen bedürfnisorientierten Umgang auf gleicher Augenhöhe führt (auch wenn wir da noch ein Stückchen Weg vor uns haben). Ich denke und erlebe, dass die Beziehung unheimlich davon profitiert, wenn man die Tage gemeinsam verbringen kann, anstatt um Schule und Termine herum leben zu müssen. Ich weiß genau wie ich mir unser Leben vorstelle und bin mir da mit den Kindern einig. Nur leider müssten wir dazu auswandern. Und genau das ist mir unmöglich, da ich einen geliebten Menschen zurück und alleine lassen müsste. Zudem fühlen wir uns hier wo wir jetzt leben sauwohl. Keiner möchte weg.

Was dann? Ganz abgelegt habe ich den Gedanken an eine Auswanderung noch nicht. Vielleicht wird er noch mal aktuell. Bis dahin versuchen wir Schulen zu finden, die unseren Vorstellungen von Selbstbestimmtheit, wertschätzendem Umgang und Demokratie möglichst nahe kommen (und für uns bezahlbar sind). Im Moment sind wir noch nicht zufrieden und suchen nach besseren Lösungen. Und vor allem versuche ich, unser restliches Leben so gut es geht für „Guerilla Learning“ frei zu halten und einzurichten (ich finde den Begriff wunderbar – ich habe ihn vom gleichnamigen Buch (siehe Liste unten), welches sich damit beschäftigt, wie man Kinder darin unterstützen kann, Ihren Interessen zu folgen und vom Leben zu lernen, ob sie nun zur Schule gehen oder nicht). Das ist ein spannender Entwicklungsweg für uns alle…

Wenn Ihr Euch für das Thema unschooling interessiert, dass noch weitaus mehr beinhaltet, als bloß ein Leben ohne Schule zu führen (oder beinhalten kann, jeder lebt ja nach seinen eigenen Konzepten und kann den Begriff verwenden wie er will), für den habe ich eine kleine Buchliste zusammengestellt. Ich sage bewusst nicht homeschooling, weil ich nicht davon rede, die Kinder zu Hause zu unterrichten.

  • Das Teenager Befreiungshandbuch von Grace Llewellyn. Die Deutsche Ausgabe wurde  herausgegeben von der Familie Neubronners aus Bremen, deren Kinder auch nicht mehr zur Schule gehen wollten, und die nach heftigen Sanktionen der Behörden schließlich ausgewandert sind, bzw. nun zwischen Frankreich und Deutschland pendeln.
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2 Kommentare leave one →
  1. 05/08/2012 6:12 am

    Wunderschöner Beitrag!!
    Ich interessiere mich schon seit über 10 Jahren für Homeschooling. Schon in meiner Kindheit bin ich durch Zufall mit Homeschoolern zusammen gestoßen und so hat mich das Thema schon immer irgendwie begleitet.
    Trotzdem gehen meine Kinder zur Schule.
    Warum? Wir leben in Deutschland! Und hier kann man einiges auf die Beine stellen und versuchen sich an den Gesetzen vorbei zu drücken, aber man wird es nicht schaffen. Schade! Wir konnten auch nicht einfach von hier fortziehen, weil das Bleiberecht des Vaters an unserer Anwesenheit hing.
    Aber jetzt, nach 4 Jahren Schulzeit (an einer Freien Aktiven Schule, die wirklich gut ist) haben wir uns doch entschieden zu gehen. So ein Leben im Kompromiss macht nicht wirklich glücklich – auch wenn es okay ist.
    Auch die Kinder möchten es anders. Sie WOLLEN zu Hause sein. Und während der Ferien (der Sommerferien insbesondere) merke ich immer wieder, wie gut es ihnen tut. Die Atmosphäre hier in unserem Heim ändert sich merklich – alles entspannt und atmet auf. :-)

    Homeschooling ist unser Weg, also müssen wir ihn auch gehen. :-)

    • 05/08/2012 1:14 pm

      Hallo Isla,

      so schön, von Dir zu hören! Wo wollt Ihr denn nun hinziehen??
      Wir haben die Möglichkeit wegzugehen auch immer im Kopf. Nun müssen erst noch ein paar Sachen hier beendet werden und dann vielleicht…
      Kennst Du die Freilerner-Zeitschrift? Ich war erstaunt so viele Beispiele zu finden von Familien in Deutschland, die sehr wohl homeschoolen. In meinem Umfeld gibt es so viele Leute, die sich das auch wünschen und das Thema wird allerorts immer beliebter – ganz habe ich die Hoffnung noch nciht aufgegeben, dass sich auch in Deutschland was tut.

      Ich freu mich jedenfalls für Euch und Eure Kinder, dass ihr so entschlossen seid, so zu leben wie ihr es Euch wünscht. Dabei wünsche ich Euch ganz viel Kraft und Freude und bin gespannt das mitzuverfolgen falls Du auf Deinem Blog davon berichtest.

      Alles Liebe,
      Katharina

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