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Mut zur Unvollkommenheit

02/11/2010

Dieser Morgen war ein guter Morgen. Die Spülmaschine ist noch unausgeräumt, der Text, den ich für meinen Schatz übersetzen soll liegt noch unangefasst – naja, bis auf die Blaubeerjoghurtspuren, die unser Töchterlein hinterlassen hat – auf meinem Schreibtisch, und das Chaos, das ich heute morgen noch tatkräftig verscheuchen wollte, schläft immer noch selig vor sich hin. Dafür haben sich in meinem Kopf ein paar neue Dendriten verknüpft. Ich konnte es förmlich spüren.

Über Susannah Conways Seite bin ich auf Brené Brown gestoßen, eine amerikanische Professorin der Sozialarbeit, die 10 Jahre lang Interviews und Studien zum Thema Scham, Verletzlichkeit und Angst geführt, und auf diesem Gebiet Bücher veröffentlicht hat. Ausgehend von der Frage, was menschliche Verbundenheit fördert oder verhindert, stieß sie auf die zentralen Themen Scham und Verletzlichkeit. Sie fand heraus, dass die Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen, ihre eigene Verletzlichkeit anerkennen und trotzdem oder gerade deswegen der Überzeugung sind, es wert zu sein, geliebt zu werden. Sie nennt diese Menschen „wholehearted“. Und was mich besonders angepiekst hat: Sie spricht davon, dass wir uns unsere Schamgefühle oft nicht eingestehen wollen, allerdings kennen die meisten Leute von sich ein Phänomen, das auf dem Empfinden von Scham beruht: Perfektionismus. Und hier hat es bei mir „klick“ gemacht.

Sie spricht über Authentizität, Verletzlichkeit und den Mut zur Unvollkommenheit als Voraussetzungen für Selbstwertgefühl und Verbindung mit anderen. Und sie erklärt, was uns dabei im Wege steht.

Manchmal stößt man auf Sätze, Dinge, Ereignisse, die einem ein Licht aufgehen lassen, indem sie einige, zum Teil vielleicht sogar lange bekannte Einsichten, die man mittlerweile für Allgemeinwissen hält, in ein neues Licht rücken oder derart erklären, dass man sie auf einmal mit dem eigenen leben in Verbindung bringen kann und sich selbst besser versteht. Bei mir war das gerade der Fall. Denn Perfektionismus kenn ich gut, und ich weiß auch, dass es gesünder ist, Mut zum Mittelmaß zu haben – spätestens seit meiner Diplomarbeit, welche ich ohne diesen Gedanken wahrscheinlich nicht mal gewagt hätte anzufangen. ;) Dass sich hinter diesem Perfektionsanspruch ein Gefühl wie Scham versteckt erscheint mir logisch und wenn ich die Vergangenheit angucke, sehe ich dieses schmerzliche Gefühl mich anspringen – gerade in den Situationen, die mir am schmerzlichsten und intensivsten in Erinnerung sind. Wo dieses Gefühl seinen Ursprung hat, dass wird nochmal interessant sein mir anzugucken.

Jedenfalls fühl ich mich jetzt in Bezug auf meine „unperfekte“Hochzeit (siehe mein letztes post)  schon viiiiel viiiiel besser! Freude ist zurückgekehrt :)

Mir ist auch auf einen Schlag klar geworden, dass es genau dieses Gefühl von Scham ist, dass ich die ganze Zeit versuche bei meinen Kindern möglichst nicht zu erzeugen, damit sie mit der festen Überzeugung aufwachsen können, gut genug zu sein, genau so wie sie sind. Nur war mir das nie so 100 prozentig bewusst, weshalb ich es auch nicht gut genug verhindern, und auch meinem Mann gegenüber nicht formulieren konnte, um ihm zu verdeutlichen, welche Folgen gewisse Verhaltensweisen auf unsere Kinder haben, mit dem Ziel, dass wir beide sie vermeiden können.  Zum Beispiel das Aufregen/ Ungehalten Sein, wenn jemandem ein Missgeschick passiert. Ich erinner mich in solchen Fällen immer gern an eine Geschichte, die Jesper Juul in einem seiner Bücher niederschrieb…  Ich erzähle sie Euch so, wie ich sie in Erinnerung habe:

~

Als er klein war, hat Jesper einmal eine Flasche Milch auf dem Boden verschüttet. Anstatt genervt zu sein, oder zu schimpfen, hat seine Mutter ihn gefragt, ob er einen Milchsee gemacht hätte und ihn ermutigt, mit den Händen darin zu planschen. Später hat sie ihm eine Flasche mit Wasser und ein Gefäß mit in den Garten gegeben, um dort das Einschenken zu üben.

~

Für diese relaxte Art, mit seinen Missgeschicken – die ja in Wirklichkeit nur Effekte seiner gesunden Neugier und seines Lernenwollens waren – umzugehen, muss Jesper seiner Mutter wohl sehr dankbar sein, und ich bin ihm dankbar für’s Weitererzählen. Ich schaffe es nicht immer, so entspannt zu reagieren, aber ich bin froh, dass ich diese Geschichte im Hinterkopf habe, um möglichst oft im Ernstfall daran zu denken und das Selbstwertgefühl meiner Kinder möglichst wenig anzukratzen.

Brené Brown’s Arbeit finde ich sehr spannend. Sie fasziniert mich sicherlich auch, weil ich selber Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaften studiert habe und dort auch mit narrativen Interviews arbeitete, zuletzt im Zuge meiner Diplomarbeit.

Das Thema Resilienz – welche Eigenschaften und Fähigkeiten halten Menschen seelisch gesund und wiederstandsfähig gegen alle Widrigkeiten des Lebens – fand ich auch das spannendste am ganzen Studium. Während meiner Diplomarbeit habe ich in diesem Zusammenhang versucht, mich mit dem Thema Achtsamkeit auseinanderzusetzen. Während ich daran arbeitete, wuchs jedoch in mir die Gewissheit, dass ich mit Wissenschaft und kopflastiger Arbeit so schnell nichts mehr zu tun haben möchte, auch wenn es mir die Chance bot, mich mit für mich selber wirklich spannenden Fragen zu beschäftigen. Ich wollte das Leben nicht länger durch die wissenschaftliche Brille betrachten. Daher finde ich die Erzählung von Ihrem Zusammenbruch (sie musste die Vorstellung aufgeben, alles kontrollieren und messen zu können) oder besser gesagt ihrem spirituellen Erwachen in folgendem Video sehr spannend:

Brené Brown hat eine wunderschöne und sehr informative Webseite, und ich habe mir gerade ihr Buch „The Gifts of Imperfection“ bestellt.

So, nächstes mal geht es dann wieder weiter mit meiner unperfekten Hochzeit ;)

Herzliche Grüße!

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One Comment leave one →
  1. 27/05/2014 8:25 am

    Ein schöner Artikel mit gut gewählten Zitierungen.
    Ich bin zwar Psychologie-Laie, denke aber doch, Perfektionismus hat nicht immer ausschließlich mit Scham und Verletzlichkeit zu tun. Auch die Absicht eine komplizierte Botschaft unmissverständlich zu vermitteln — gerade dann, wenn man nur eine einzige Chance hat, kann zu hohem Perfektionismus führen.
    In meinem alltäglichen Leben finde ich mich immer wieder vor dem erstaunlichen Phänomen der endlosen zwischenmenschlichen Missverständnisse und forsche weiterhin nach Lösungen für diese …

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